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1917 - 1934

Die Entstehung, der Aufbau und die Belagerung des Regimes

Dietrich Gerstels Geburt in Berlin während des Ersten Weltkriegs und eine von intensiver medizinischer Betreuung geprägte Kindheit; sein Bildungsweg bis zu dem drastischen Wendepunkt, den der Nationalsozialismus 1933 herbeiführte; seine kaufmännische Ausbildung im Oskar-Helene-Heim; und der Abschluss seines Studiums unter der Unterdrückung durch das Regime.

Eine Geburt voller Herausforderungen: Zwischen Krieg und medizinischen Komplikationen

Dietrich Fritz Gerstel Dannenbaum wurde am 31. August 1917 in Berlin, Deutschland, in der Tiergartenstraße 15 geboren, einem äußerst angesehenen Wohnviertel der Hauptstadt. Er war der Sohn von Walter Gerstel, einem prominenten Ingenieur und Vorstandsvorsitzenden von Industrieunternehmen wie der Permutit AG, und Lili Dannenbaum, die aus einer angesehenen Familie der oberen Mittelschicht stammte. Trotz seines stabilen familiären Hintergrunds fiel seine Geburt mit den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs zusammen, einer Zeit, die von Verwüstung und schwerwiegenden Versorgungsengpässen geprägt war, die das Land heimsuchten.

Dietrichs Geburt war von einer äußerst komplexen körperlichen Verfassung geprägt. Er kam mit Phokomelie zur Welt, die durch das Fehlen der unteren Gliedmaßen – an deren Stelle er nur kurze Stümpfe hatte –, das Fehlen seines linken Arms und einen rechten Arm, dessen Hand nur vier Finger aufwies, gekennzeichnet war. Hinzu kam die spätere Diagnose eines Situs inversus, einer Erkrankung, bei der die inneren Organe auf der gegenüberliegenden Seite der üblichen Lage liegen. 

Geburtsurkunde von Dietrich Fritz Gerstel Dannenbaum (1917)

Amtliche Urkunde Nr. 399, in der seine Geburt am 31. August 1917 in der Tiergartenstraße 15 in Berlin verzeichnet ist. Beglaubigte Abschrift ausgestellt im April 1937.

Dietrich in seinem rollstuhlgerechten Auto.
Dietrich (links, als Matrose verkleidet) mit anderen Kindern. Das Foto zeigt den Aufbau seiner rechten Hand.

Innovationen in der Orthopädie und meine Jahre im Oskar-Helene-Heim

Von Beginn seines Lebens an war Dietrichs Schicksal eng mit der modernsten orthopädischen Medizin verbunden. Er war Patient von Dr. Hermann Gocht, einer führenden Persönlichkeit der deutschen Orthopädie und Leiter des Oskar-Helene-Heims (OHH), einer renommierten Berliner Einrichtung, die 1914 zur Behandlung und Erziehung von Kindern mit körperlichen Behinderungen gegründet worden war.

Dietrich verbrachte einen Großteil seiner Kindheit und Jugend entweder stationär oder in täglicher Therapie am OHH. Dort wurden ihm äußerst komplexe Prothesen angepasst – Orthesensysteme mit Beinverlängerungen, die an ein Korsett angeschlossen waren –, die es ihm ermöglichten, zu stehen und zu gehen, obwohl er beim Anlegen Hilfe benötigte. Angesichts dieser Herausforderung übernahm die Familie Gerstel konsequent die Kosten für die Wartung und den Austausch dieser Hilfsmittel sowie für den Kauf spezieller Rollstühle mit Luftreifen, um seine Mobilität zu gewährleisten.

Rechnung über den Kauf eines Spezialrollstuhls (1931)

Urkunde, ausgestellt von der Carl-Hohmann-Krankenhausmöbelfabrik in Berlin auf den Namen Lili Gerstel (geb. Dannenbaum).

Auftragsbestätigung für ein maßgefertigtes selbstfahrendes Fahrzeug (1934)

Urkunde, ausgestellt von der Carl-Hohmann-Krankenhausmöbelfabrik in Berlin auf den Namen Lili Gerstel (geb. Dannenbaum).

Dietrich in einem neuen orthopädischen Mobilitätsfahrzeug.
Dietrich steht, gestützt auf Prothesen und einen Gehstock, in Begleitung enger Vertrauter im Oskar-Helene-Heim.

Die ersten Klassenzimmer und ein Schild des Glaubens

Nachdem Dietrich in den ersten zehn Jahren seiner Kindheit von Privatlehrern unterrichtet worden war, legte er 1927 seine Grundschulprüfungen ab und besuchte fortan das Falk-Realgymnasium in Berlin, eine auf moderne Natur- und Geisteswissenschaften ausgerichtete weiterführende Schule. Die Nähe zum Familienwohnsitz in der Tiergartenstraße erleichterte ihm den Schulweg, und dort zeigte er bemerkenswerte schulische Leistungen, wobei seine intellektuellen Fähigkeiten seine körperlichen Einschränkungen mehr als ausglichen.

Schulzeugnis von Dietrich Gerstel vom Falk-Realgymnasium (1927)

Das Dokument bescheinigt seine offizielle Zulassung zur Sekundarstufe und weist hervorragende Noten in den Bereichen Verhalten und Aufmerksamkeit aus.

Zeitgleich mit seinem Eintritt ins Schulleben und in dem Bestreben, die Familie vor dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland zu schützen, beschloss sein Vater, Walter Gerstel, ihn im evangelisch-lutherischen Glauben taufen zu lassen. Die Zeremonie fand am 22. April 1927 in der Dankeskirche in Berlin statt. Obwohl die Familie jüdischer Herkunft war und seine Mutter Lili an ihrer religiösen Identität festhielt, sollte dieser Schritt die soziale Integration des Kindes in einem zunehmend feindseligen Umfeld erleichtern. Jahre später, im Jahr 1932, bekräftigte Dietrich diese Verbundenheit durch seine Konfirmation in der evangelischen Matthäigemeinde.

Taufurkunde von Dietrich Gerstel aus der Dankeskirche (1927)

Das Dokument bescheinigt die Spendung des Sakraments unter der Registriernummer 77 und ist mit den offiziellen Siegeln der Einrichtung sowie der Unterschrift des Pfarrers beglaubigt.

Gemeindebrief „Der Matthäusbote“ mit dem Konfirmationsprotokoll von Dietrich Gerstel (1932)

Die Liste der 19 Jugendlichen ist auf der letzten Seite des Newsletters aufgeführt, wo Dietrich unter seinem Spitznamen „Dieter Gerstel“ verzeichnet ist.

Walter Gerstel, Dietrichs Vater.
Lili Gerstel (geb. Dannenbaum), Dietrichs Mutter.

Dietrichs familiäre Situation und sein Bildungsweg

Adolf Hitlers Machtübernahme im Januar 1933 markierte für die Familie Gerstel den Beginn einer Katastrophe. Trotz seines Ansehens als Geschäftsführer und seiner Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg wurde Walter Gerstel aufgrund seiner jüdischen Herkunft unerbittlich verfolgt. Nachdem er aus seinen Führungspositionen bei der Permutit AG und anderen Unternehmen entlassen worden war, wurden seine Bankkonten eingefroren und er wurde zeitweise in Gewahrsam genommen.

Der wirtschaftliche und soziale Druck wurde bald unerträglich. Da ihnen ihr Vermögen entzogen worden war, konnten sich die Gerstels Dietrichs umfangreichen medizinischen Bedarf nicht mehr leisten; die Wartung, Reparatur und Modernisierung seiner Prothesen und Rollstühle wurden finanziell untragbar. Gleichzeitig, im September 1933, musste Dietrich das Falk-Realgymnasium verlassen; dabei erhielt er ein Führungszeugnis, um eine Berufsausbildung zu beginnen, da eine universitäre Ausbildung für junge Menschen jüdischer Herkunft nicht mehr in Frage kam.

Das vom Falk-Realgymnasium ausgestellte Führungszeugnis von Dietrich Gerstel (1933)

Die Schule stellte dieses Dokument mit dem handschriftlichen Vermerk „Sein Verhalten war tadellos“ aus, wodurch er eine Ausbildung beginnen konnte.

Von der unerbittlichen Belagerung durch die Nazis in die Enge getrieben, beging Walter Gerstel am 24. Mai 1934 in einem Sanatorium in Garmisch-Partenkirchen Selbstmord. Sein Tod versetzte die Familie sowohl emotional als auch finanziell in eine äußerst prekäre Lage und zwang sie, ihre luxuriöse Residenz in der Tiergartenstraße 25 aufzugeben und in ein weitaus bescheideneres Zuhause umzuziehen. Mit gerade einmal 16 Jahren war Dietrich nun vaterlos und blieb in der Obhut einer Mutter zurück, die zusehen musste, wie das Nazi-Regime das Familienvermögen zerschlug.

Nur einen Monat nach der Tragödie, im Juni 1934, begann der junge Mann offiziell seine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten im Oskar-Helene-Heim und machte so seinen ehemaligen Behandlungsort zu seinem neuen Ausbildungsort. Neben seiner Ausbildung im OHH besuchte Dietrich die Berufsschule für Handel und Industrie in Berlin-Zehlendorf. Diese Regelung ermöglichte es ihm, praktische Erfahrungen in den Werkstätten der Einrichtung mit theoretischem Unterricht in den Klassenzimmern zu verbinden. 

Dietrich Gerstels Kaufmannslehrvertrag im Oskar-Helene-Heim (1934)

Ein Dokument, das von ihrer Mutter, Lili Gerstel, und der orthopädischen Klinik im Zusammenhang mit ihrer Berufsausbildung unterzeichnet wurde. Es trägt das offizielle Siegel der Berliner Industrie- und Handelskammer. 

Dieter Gerstels Zeugnis der Handelsberufsschule Berlin-Zehlendorf (1934)

Der Bericht bescheinigt ein vorbildliches Verhalten und eine insgesamt starke Leistung. 

Dietrichs Berufsausbildung dauerte zwei Jahre. Im März 1936 stellte die Berufsschule für Handel und Industrie Berlin-Zehlendorf ein Abschlusszeugnis aus, das seine Ausbildung in Betriebswirtschaft, Maschinenschreiben und Buchhaltung bescheinigte. Nur zwei Monate später, im Mai, besiegelte auch die Leitung des Oskar-Helene-Heims (OHH) das Ende dieser Phase in der Einrichtung mit einem Dokument, in dem sein Fleiß, sein Ehrgeiz und die „große Energie“, mit der er seine körperlichen Einschränkungen überwand, gelobt wurden. Ein weiterer Aufenthalt dort wurde jedoch unmöglich: Die Deutsche Arbeitsfront (Deutsche Arbeitsfront) hatte die Kontrolle über die Einrichtung übernommen, und so wurde Dietrich gemäß den Rassengesetzen des Regimes als „nicht-arisch“ eingestuft und zum Verlassen der Einrichtung gezwungen. 

Dieter Gerstels Abschlusszeugnis der Berufsschule für Handel und Industrie Berlin-Zehlendorf (1936)

Das Dokument bescheinigt ein vorbildliches Verhalten („sehr gut“) und hervorragende schulische Leistungen zum Abschluss seiner Schulzeit.

Dieter Gerstels Abschlusszeugnis der OHH (1936)

In dem offiziellen Dokument werden seine eigenverantwortlichen Aufgaben in den Bereichen Buchhaltung, Lohnabrechnung, Kassenführung und Kundenaktenverwaltung näher beschrieben. 

Dietrich Gerstel in seiner Jugend.

Historische Dokumente

Geburtsurkunde

31. August 1917

Amtliche Urkunde, die Dietrichs Geburt und Abstammung bescheinigt.

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Impfpass

9. Januar 1922

Frühe Impfbescheinigung, die die routinemäßige medizinische Versorgung von Dietrich dokumentiert.

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Schulzeugnis

16. März 1927

Nachweis über Dietrichs Aufnahme und schulische Leistungen am Falk-Realschul-Gymnasium. Belegt seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Integration in das deutsche Bildungssystem.

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Taufurkund

22. April 1927

Konversion zum evangelisch-lutherischen Glauben in der Marienkirche in Berlin. Eine verzweifelte Strategie, um Dietrich vor dem zunehmenden Antisemitismus zu schützen.

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Kauf eines Rollstuhls

24. September 1931

Rechnung der Berliner Krankenmöbelfabrik Carl Hohmann. Nachweis über die Kosten für die Spezialausrüstung, die für Dietrichs Mobilität erforderlich ist.

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Ankündigung zur Konfirmatio

20. März 1932

Evangelische Gemeinde St. Matthäus. Dies markiert seine offizielle Eingliederung in die deutsche evangelische Gemeinschaft, ein Jahr vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten.

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Rechnung für die Reparatur eines Rollstuhls

31. Dezember 1932

Rechnung für die Wartung orthopädischer Hilfsmittel. Belegt die laufende Versorgung und die mit Dietrichs Behinderung verbundenen Kosten.

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Führungszeugni

29. September 1933

Abgang vom Falk-Realgymnasium. Dies markiert das erzwungene Ende seiner regulären Schulausbildung, acht Monate nach Hitlers Machtübernahme.

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Bestellung eines neuen Rollstuhlmodell

21. März 1934

Anfrage nach Spezialgeräten nur zwei Monate vor Walter Gerstels Selbstmord. Zeigt die Kontinuität der medizinischen Versorgung in zunehmend schwierigen Zeiten

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Brief von Alfred Gerste

5. Juli 1934

Verfasst sechs Wochen nach Walter Gerstels Selbstmord. Erster Bericht darüber, wie die Familie versuchte, sich nach der Tragödie neu zu ordnen.

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Ausbildungsvertrag für kaufmännische Beruf

31. Dezember 1934

Kaufmännischer Auszubildender im Oskar-Helene-Heim unter der Obhut seiner verwitweten Mutter. Verwandelt seine medizinische Einrichtung in ein Zentrum für berufliche Ausbildung.

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Erster Weltkrieg (1914–1918)

Dietrich wurde im letzten Kriegsjahr in einem vom Krieg verwüsteten und von Nahrungsmittelknappheit geprägten Deutschland geboren.

Weimarer Republik (1919–1933)

Eine demokratische Epoche in Deutschland, die von kultureller Blüte, politischer Instabilität und bedeutenden medizinischen Fortschritten geprägt war, wie etwa im Oskar-Helene-Heim.

Die Krise von 1923

Katastrophale Hyperinflation in Deutschland. Ein Laib Brot kostete bis zu 200 Milliarden Mark. Die Mittelschicht verlor ihre Ersparnisse.

30. Januar 1933

Adolf Hitler übernahm das Amt des Reichskanzlers, was das Ende der Demokratie bedeutete. Im März wurden die ersten antisemitischen Gesetze erlassen

Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (April 1933)

Das erste Gesetz, das Juden aus öffentlichen Ämtern und freien Berufen ausschloss. Es betraf Walter Gerstel unmittelbar in seinen Führungspositionen

1934: Das Jahr der Machtsicherung der Nationalsozialisten

Hitler schaltete die interne Opposition aus und ernannte sich selbst zum Führer. Tausende deutsche Juden begannen auszuwandern, obwohl viele noch glaubten, die Sache würde sich „von selbst legen“.

Jüdische Bevölkerung in Deutschland (1933)

~500.000 Menschen (0,75 % der Gesamtbevölkerung)

Juden in Berlin

~160.000, die größte jüdische Gemeinde in Deutschland

Selbstmordrate unter Juden (1933–1945)

um mehr als 500 % gestiegen

Phokomelie

Tritt bei 1 von 100.000 Geburten auf

Oskar-Helene-Heim

Gegründet im Jahr 1905, Pionier in der Kinderorthopädie

Permutit AG

Contexto Histórico

Primera Guerra Mundial (1914-1918)

Dietrich nació durante el último año de la guerra, en una Alemania devastada por el conflicto y marcada por la escasez alimentaria.

República de Weimar (1919-1933)

Período democrático en Alemania caracterizado por efervescencia cultural, inestabilidad política y avances médicos significativos, como los del Oskar-Helene-Heim.

Crisis de 1923

Hiperinflación catastrófica en Alemania. Un pan llegó a costar 200 mil millones de marcos. La clase media perdió sus ahorros.

30 de enero de 1933

Adolf Hitler asume como Canciller de Alemania, marcando el fin de la democracia. En marzo se aprueban las primeras leyes antisemitas.

Ley de Restauración del Funcionariado (abril 1933)

Primera ley que expulsó a judíos de cargos públicos y profesiones liberales. Afectó directamente a Walter Gerstel en sus posiciones directivas.

1934: Año de consolidación nazi

Hitler elimina oposición interna y se proclama Führer. Miles de judíos alemanes comienzan a emigrar, aunque muchos aún confían en que „pasará“.

Datos Clave

Población judía en Alemania (1933)

~500,000 personas (0.75% del total)

Judíos en Berlín

~160,000, la comunidad judía más grande de Alemania

Tasa de suicidios judíos (1933-1945)

Aumentó más del 500%

Focomelia

Ocurre en 1 de cada 100,000 nacimientos

Oskar-Helene-Heim

Fundado en 1905, pionero en ortopedia pediátrica

Permutit A.G